Übungseinsatz der Feuerwehr Kappeln-Innenstadt
Es ist Dienstag Abend, 19:07. Alarmierung! Einsatzstichwort: „Feuer, groß, Lebensgefahr!“

Foto: Feuerwehr Kappeln-Innenstadt
Simon teilt mich als Gruppenführer auf dem großen, wasserführenden Fahrzeug ein. Wir rücken sofort aus - voll besetzt. Ich denke „Super! Voll besetzt!“. Während des Ausrückens schalten wir die Funkgeräte auf die richtige Funkrufgruppe. Ich sitze vorne rechts und gebe dem Maschinisten am Steuer die Richtung zum Einsatzort an. Ich schalte das Navi ein und drücke auf dem Digitalfunkgerät auf die 3. Das Gerät meldet „Meldung übermittelt“. Die Leitstelle in Harrislee weiß also, dass wir auf dem Weg sind und den Einsatz übernommen haben. Kurz vor dem Einsatzort rufe ich dem Wassertruppführer im Mannschaftsraum zu, dass wir gerade an einem 200er Hydranten vorbeifahren. Das weiß ich vom Navi. Kurze Zeit später rufe ich ihm zu, dass hier ein 100er Hydrant ist. Die Einsatzstelle kommt in Sicht. Starker Rauch quillt aus dem Dach eines Backsteinschuppens. Ich weise dem Maschinisten den Abstellort des Fahrzeuges zu und weise ihn an, die ganze Straße zu sperren. Ich muss zur Erkundung vor. Gleichzeitig muss ich der Mannschaft sagen, was sie vorbereiten muss - schwierig, wenn man noch nicht weiß, was einen erwartet. „Lage auf Sicht“ Meldung muss auch noch an die Leitstelle. Das nachrückende Fahrzeug meldet sich und fragt nach dem Bereitstellungsraum. Ich weise ihn an, bei dem 100er Hydranten Stellung zu beziehen und von dort die zweite Wasserversorgung aufzubauen. Meine Gruppe weise ich in Eile - ich muss erkunden - an, den etwas weiter die Straße runter liegenden zweiten 100er Hydranten als Wasserentnahmestelle zu nehmen und die Wasserversorgung aufzubauen. Ich denke „ist die gleiche Leitung. Nicht toll, aber wird schon gehen“. Ich rufe noch „mit Bereitstellung!“ und hoffe, dass die Gruppe das hinbekommt.
Ich muss erkunden! Mein Angriffstrupp ist fertig ausgerüstet und will vor gehen - es könnten noch Personen im Gebäude sein. Ich erfahre von einer Nachbarin, dass in dem Haus neben dem Schuppen eine 92-jährige Dame wohnt. Mist! Ich weise das zweite Fahrzeug an, diese Dame zu evakuieren. Ich habe bei mir nicht genügend Leute - und wir waren voll besetzt! Der Gruppenführer des zweiten Fahrzeuges meldet zurück, dass er nur „Eins und Eins“ besetzt sei. Das bedeutet, dass es nur der Gruppenführer und der Maschinist ist. Er meldet, dass er noch mit dem Aufbau der Wasserversorgung beschäftigt ist. Ich weise ihn an, den Aufbau der zweiten Wasserversorgung zu unterbrechen, das Fahrzeug zu sichern und zur Evakuierung der Dame vorzurücken. Der Auftrag wird ohne Widerspruch bestätigt. Ich weiß, dass ich mich darauf verlassen und den Einsatzschwerpunkt „alte Dame“ erst mal beiseite legen kann. Immer noch kein Wasser! Ich habe Sorge, dass jemand in dem brennenden Schuppen ist und entscheide, dass der Angriffstrupp ohne Wasser einen Blick durch die Tür wirft. Ich weise an, dass eine Person, wenn sie direkt hinter der Tür zu sehen ist mit „Crash-Rettung“ heraus zu holen sei. Ansonsten Eigenschutz beachten! Nicht ohne Wasser über die Rauchgrenze vorgehen! Der Angriffstrupp öffnet vorsichtig aus geschützter Lage die Tür, schaut und ruft hinein. Nichts. Puh! Hoffentlich ist keiner drin! Wo bleibt mein Wasser? Ich gehe zur Straße zurück. Der Verteiler liegt. Kein B-Schlauch vom Fahrzeug zum Verteiler! Rechts rollen Kameraden wild Schläuche aus. Der Gruppenführer des zweiten Fahrzeuges meldet „Dame in Sicherheit und dem Rettungsdienst übergeben“. Sehr gut Männer!
Ich bin nervös - immer noch kein Wasser - verdammt! Ich mische mich in den Aufbau der Wasserversorgung ein und mache einen Anfängerfehler, indem ich den Schlauch vom Hydranten direkt an den Verteiler anschließen lassen will. Die verstörten Blicke der erfahrenen Kameraden machen mir den Fehler bewusst. Nicht aus der Ruhe bringen lassen! Aber: ich brauche Wasser! Endlich heißt es „Wasser marsch bis zum Verteiler!“. Ich befehle sofort: „Erstes Rohr Wasser marsch!“ und in gleichem Atemzug gebe ich dem Angriffstrupp den Befehl „mit dem ersten Rohr über die Eingangstür zur Menschenrettung vor!“. Gleich darauf gebe ich den Befehl, mit dem zweiten Rohr die benachbarten Häuser, insbesondere die Reetdächer, zu schützen. Auch die Bäume! Denn die tragen das Feuer gerne schnell über weite Strecken. Aus sicherer Entfernung beobachte ich den Angriffstrupp, wie er mit dem Halligen-Tool vorsichtig und vorschriftsmäßig die Tür öffnet. Gute Arbeit! Rauchschwaden dringen heraus. Der Angriffstrupp geht vor und verschwindet im Rauch. Kurze Zeit später die Meldung über Funk vom Angriffstrupp: „Gefahrgutkanister gefunden!“. Auch das noch! Ich befehle: „Wenn möglich, Kanister nehmen und zurückziehen!“. Welche UN-Nummer steht drauf? UN-3630. Schnell raussuchen, was das für ein Stoff ist, welche Gefahren von ihm ausgehen, wie wir uns schützen müssen. Es ist Alkohol in einer Konzentration von bis zu 70%. Ich denke nicht an Party machen… ich denke an Explosionsgefahr. Ich sehe, dass eine erhebliche Menge von dem Stoff ausgelaufen war und die Kameraden des Angriffstrupps sich beim Vorrücken an den Hosen stark kontaminiert hatten. Große Gefahr für meine Kameraden. Es reicht ein Funke und sie stehen in Flammen. Da hilft dann auch unsere Einsatzkleidung nicht mehr. Also Rückzug! Ich befehle das Gerät zur Einsatzstellenbelüftung nach vorne, um den Rauch zu verdrängen. Gleichzeitig sollen Kameraden auf der gegenüberliegenden Seite ein Fenster einschlagen, damit der Rauch raus geblasen werden kann. Mein erstes Ziel ist immer noch, festzustellen, ob noch Menschen in dem Schuppen sind. Als der Lüfter läuft weise ich den Maschinisten meines Fahrzeuges an, die Notdekontaminierung der beiden Kameraden des Angriffstrupps vorzubereiten. Vier Steckleiterteile und eine feste Plane werden zu einer Art Becken zusammengebaut, damit der Gefahrstoff nicht in die Umwelt sickern kann. Die Kameraden werden nacheinander hineingestellt und von Helfern ihrer Atemschutzgeräte entledigt, abgesprüht und entkleidet. Der Raum ist nun rauchfrei und ich kann schnell sehen, dass keine Person drin ist - Glück gehabt! Mist, keine Meldung an die Leitstelle abgegeben - muss ich schnell nachholen, aber die kennen das. Wenn wir im Einsatz sind, steht das Adrenalin unter den Haarspitzen und wir konzentrieren uns in erster Linie auf die Rettungs- und Löscharbeiten. Die Meldungen bleiben da schon mal hinten an. Ich ärgere mich über meinen Fehler mit der Schlauchleitung und bin froh, dass es nur eine Übung war. Ich bin froh, dass Simon mich die Gruppenführung hat üben lassen. Ich habe wenig Gelegenheit dazu. Denn trotz meines doch schon fortgeschrittenen Alters muss ich meist den Angriffstrupp führen und das schwere Atemschutzgerät tragen. Ich hoffe jedes Mal, dass wir mehr junge Leute in unsere Wehr bekommen, damit wir „Alten“ dahin können, wo wir hingehören: in die zweite Reihe.
Wer beim Lesen dieser Geschichte mit gegangen ist, aufgeregt war und auch gerne dabei geholfen hätte, wer nicht nur als Zaungast mit der Kamera daneben stehen möchte, sondern dabei sein will, sollte es einmal ausprobieren! Wir üben regelmäßig an jedem 1. Dienstag und 3. Montag im Monat um 19:00. Derzeit treffen wir uns am Bauhof, solange unser Gerätehaus in der Gerichtsstraße neu gebaut wird. Wenn Ihr nicht im Bereich Kappeln Innenstadt, Dothmark oder Neukappeln wohnt, dann fragt doch bei der Euch am nächsten gelegenen Wehr nach den Übungsabenden. Wir freuen uns alle auf Euch!

Foto: Feuerwehr Kappeln-Innenstadt
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